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Den Geist erweitern – Mitgefühl kultivieren

Wenn Suhui Kwon sich über die Xian-Fa-Methode äussert, wird spürbar, dass Qigong für sie ein spiritueller Weg ist, der weit über die Selbstheilung hinausgeht. Es geht darum, Mitgefühl zu entwickeln und gutes Qi nach aussen zu tragen, um anderen zu helfen.

Die Worte, «Den Geist erweitern – Mitgefühl kultivieren», sind ein Auszug aus einem Text über die Xian-Fa-Methode, den die Meisterin verfasst hat. Übersetzt bedeutet Xian Fa «die Methode der Unsterblichen». Sie ist die grundlegendste und wichtigste Praktik im Qigong und gilt als die Wurzel aller anderen Qigong-Praktiken. Es ist eine Methode des stillen Qigong, bei der der Körper äusserlich ruht, während das Qi gelenkt wird.

Um auf Suhuis Ausführungen einzustimmen, in denen sie oft den Begriff «Geist» verwendet, erklären wir diesen und sein Zusammenspiel mit anderen zwei zentralen daoistischen Schlüsselbegriffen: «Körper und Herz». Danach folgt ihr Originaltext.

Der Mensch als lebendiges Ganzes
Wenn wir Taiji oder Qigong üben, trainieren wir Körper, Herz und Geist als eine ungetrennte Einheit eines lebendigen Ganzen, das sich ständig gegenseitig beeinflusst. Der Körper (Shēntǐ), das innere Erleben im Herz (Xīn) und die Bewusstheit im Geist (Shén) wirken zusammen und werden gemeinsam geschult. Diese Wechselwirkung zeigt sich besonders deutlich in einem Spruch, der in diesem Zusammenhang oft verwendet wird:

«Wenn das Herz ruhig ist, wird der Geist klar. Wenn der Geist klar ist, beruhigt sich das Herz.»

Um dieses Zusammenspiel im daoistischen Verständnis noch besser nachvollziehen zu können, lohnt sich ein genauerer Blick auf die drei Kernbegriffe.

  • Der Körper(Shēn |  Shēnti): umfasst unsere Haltung, Bewegung, Atmung und die physische Ebene unseres Seins.
  • Das Herz (Xīn): umfasst Fühlen, inneres Erleben, sowie das mentale, intellektuelle Denken. Da Gefühl und der rationale Verstand im chinesischen Denken eine Einheit bilden, wird «Xīn» oft als «Herz-Geist» beschrieben.
  • Der Geist (Shén): ist die Essenz des Bewusstseins – das stille Gewahrsein welches alles Erleben beobachtet, und die spirituelle Dimension des Menschen. Im klassischen Daoismus wird «Shén» meist mit «Geist» übersetzt. Um Verwechslungen mit dem blossen Intellekt zu vermeiden, verwenden wir dafür fortan das treffendere Wort Gewahrsein – die stille Präsenz, die alles Erleben wertfrei beobachtet.

Während der Herz-Geist also Inhalte unseres Denkens und Fühlens sowie das ganze innere Erleben beschreibt, steht das Gewahrsein für die Klarheit und das inneren Leuchten, mit denen dieses Erleben überhaupt erst möglich wird.
Als vereinfachtes Bild kann man sich einen Raum vorstellen:

  • Der Körper (Shēntǐ) ist der Raum selbst – seine Wände, seine Struktur und seine Form.
  • Der Herz-Geist (Xīn) ist das Innere des Raumes – das gesamte Innenleben mit all unseren Gedanken, Gefühlen und Stimmungen.
  • Das Gewahrsein (Shén) ist das Licht im Raum, welches das Ganze überhaupt erst sichtbar macht.

Doch all dies sind zunächst nur abstrakte Beschreibungen. Das Training von Taiji und Qigong sind ein Weg, um die Zusammenhänge von Körper, Herz-Geist und Gewahrsein direkt zu erleben, zu erforschen und zu kultivieren.

Am Anfang erfahren wir diese drei Ebenen oft noch getrennt. Während der Körper sich bewegt und der Herz-Geist (Xīn) Freude, Stress, Ruhe oder Unruhe fühlt, durchdringt das Gewahrsein (Shén) alles mit seinem Licht. Subjektiv fühlt es sich an, als gäbe es einen Körper, Denken und Gefühle sowie einen Beobachter.

Genau hier setzt das Training von Taiji und Qigong an. Durch regelmässige und achtsame Praxis beginnt sich die Beziehung zwischen Körper, Herz-Geist und Gewahrsein allmählich zu verändern. Das Herz wird ruhiger. Es gibt weniger emotionale Reaktivität und weniger innere Kommentare. Gefühle können weiterhin auftauchen, verlieren aber ihre störende Wirkung und verstricken sich nicht mehr automatisch. Das Gewahrsein wird klarer und strahlender. Es entsteht weniger Zerstreuung, weniger Gedankenkarussell, und mehr unmittelbare Präsenz im Moment. Die Trennung zwischen allen Ebenen wird dadurch schwächer.

Irgendwann vielleicht, nach langem Üben, erlebt man dann Momente, in denen das fühlende «Ich» und der wahrnehmende «Beobachter» miteinander verschmelzen. Es geschieht nur noch unmittelbares Erleben: Körper, Herz und Gewahrsein werden zu einem einzigen, lebendigen Geschehen.

Dieser Wandel lässt sich sehr schön mit dem Bild eines Meeres veranschaulichen:
Der Herz-Geist ist wie die Wellen des Meeres – Gefühle, Gedanken und innere Bewegungen. Diese Wellen spiegeln sich im Gewahrsein. Mit zunehmender Ruhe wird die Trennung zwischen «Wellen sehen» und «Wellen sein» immer durchlässiger. Je durchlässiger diese Trennung wird, desto feiner werden die Bewegungen, desto ruhiger die Wellen, und desto stiller und tiefer wird die Erfahrung. Im Moment, in dem das Herz wahrhaftig ruhig und der Herz-Geist klar wird, bleibt nur noch direktes reines Erleben. Alles wird  zu einem ruhigen Ozean, in dem Bewegung und Stille nicht mehr getrennt sind.

Vor diesem Hintergrund folgen nun die Worte von Suhui zum Xian-Fa-Qigong. Wir können nun besser nachvollziehen, warum die begriffliche Trennung im eigentlichen Erleben von Suhuis Praxis vollständig verschwindet.

 

Hinweis zum Text: Die folgenden Worte von Suhui Kwon wurden aus dem Koreanischen übersetzt. Auch wenn manche Formulierungen für unsere westlichen Ohren ungewohnt klingen mögen, spiegelt gerade diese feine, poetische Sprache die tiefe Dimension und die Ganzheitlichkeit ihrer Praxis faszinierend wider.

Der Weg des Xian Fa – der Weg der Unsterblichen
«Lass deinen Geist sanft in alle Richtungen nach aussen wachsen, weit und offen.Während er sich ausdehnt, fülle diesen Raum mit Licht – so wird dein Geist grösser und offener.

Versuche, auch im Alltag in diesem Zustand zu bleiben. Nicht nur für dich selbst, sondern lass jedes Lebewesen innerhalb der Reichweite deines Geistes in diesem Licht leben. So wächst dein Geist auf natürliche Weise.

Ein weites und mitfühlendes Herz zu halten – zu wünschen, dass alle Wesen um dich herum frei und voller Lebenskraft leben können – das ist wahres Mitgefühl. Das ist es, was wir jetzt praktizieren.

Wenn du dir selbst Grenzen setzt, kann der Körper nicht mehr weiter heilen.

Der Geist ist das Gefäss des Körpers, deshalb reagiert der Körper darauf.

Das Ziel dieser Praxis ist es, Geist, Qi und Bewusstsein in eins zu bringen und eins mit der Natur zu werden. Erlaube also durch das, was du in deinem Körper fühlst, dass sich dein Geist verändert und öffnet.

Meiner Erfahrung nach vertieft sich die Praxis am meisten, wenn du Mitgefühl in den Alltag trägst. Eine der klarsten Formen von Mitgefühl ist ein Gefühl von Zartheit gegenüber allen Wesen – der Wunsch, dass morgen ein wenig besser ist als heute, und still deinen Segen zu geben.
Wenn dies zu deinem Fundament wird, nimmt das Licht ganz natürlich zu.

Dein Geist und dein Bewusstsein werden weicher, und dein Körper folgt. Das ist wahre Entspannung.

Bleibe immer verbunden – nah und fern – und fülle diesen Raum mit Licht. Licht unterscheidet nicht. Es umfasst alles. Deshalb ist Xian Fa die höchste Form der Meditation.

Nimm dir Zeit und fahre sanft fort.»